Fatigue ist nicht objektiv messbar. Es gibt beispielsweise keine Blutwerte, anhand derer ein Arzt eine Tumorassoziierte Fatigue diagnostizieren könnte. Ihre typischen Symptome wie Müdigkeit und Erschöpfung sind aber sehr subjektiv. Daher ist das wichtigste Diagnoseinstrument des Arztes das Gespräch mit dem Patienten. Zusätzlich haben sich Fragebögen oder ein Fatigue-Tagebuch bewährt. Denn mit diesen können Menschen mit Fatigue die Schwere ihrer Symptome selbst einschätzen und dokumentieren. Ein spezieller Kriterienkatalog hilft, die Diagnose (Tumorassoziierte) Fatigue zu sichern.

Diagnose von Tumorassoziierter Fatigue: Andere Erkrankungen ausschließen

Da sich die Fatigue-Symptome auf die körperliche und kognitive Leistung sowie die Emotionen der Betroffenen auswirken, müssen auch bei der Diagnosestellung diese drei Bereiche berücksichtigt werden. Die Symptome der Tumorassoziierten Fatigue sind sehr unspezifisch und können auch Anzeichen anderer Erkrankungen sein. Diese werden aber durch internistische, neurologische und Blutuntersuchungen ausgeschlossen. Außerdem sollte ein Gespräch klären, ob eventuell eine Fehl- oder Mangelernährung vorliegt. Die aktuelle Medikation sollte erfasst und Symptome einer Depression abgefragt werden. Denn Fatigue kann auf den ersten Blick wie eine Depression aussehen, sollte jedoch von dieser abgegrenzt werden.

Das ausführliche Anamnesegespräch ist neben der körperlichen und der Laboruntersuchung ein Kernstück der Diagnose.
Klassifikation und Anerkennung

In der internationalen Klassifikation der Krankheiten und Gesundheitsprobleme der Weltgesundheitsorganisation (ICD) ist Fatigue bislang nicht als eigenständiges Syndrom anerkannt.

Diagnose mithilfe eines Kriterienkatalogs

Eine Gruppe aus den USA um Dr. David Cella hat 1998 für die tumorbedingte Fatigue folgende diagnostische Kriterien vorgeschlagen (nach Yeh et al. 2011, BMC Cancer 11 (1):387):


A 1 Deutliche Müdigkeit, Energieverlust oder verstärktes Ruhebedürfnis, welches in keinem Verhältnis zu aktuellen Veränderungen des Aktivitätsniveaus steht
2 Beschwerden allgemeiner Schwäche oder schwerer Glieder
3 Verminderte Fähigkeit zu Konzentration und Aufmerksamkeit
4 Verringerte Motivation oder verringertes Interesse an Alltagsaktivitäten
5 Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf
6 Schlaf wird nicht als erholsam oder regenerierend erlebt
7 Notwendigkeit starker Anstrengung, um Inaktivität zu überwinden
8 Deutliche emotionale Reaktionen und Fatigue-Problematik (z.B. Traurigkeit, Frustration oder Reizbarkeit)
9 Durch Müdigkeit bedingte Schwierigkeiten, alltägliche Aufgaben zu erledigen
10 Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis
11 Mehrere Stunden anhaltendes Unwohlsein nach Anstrengung
B   Die Symptome verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
C   Aus Anamnese, körperlichen Untersuchungen oder Laborbefunden geht eindeutig hervor, dass die Symptome Konsequenzen einer Tumorerkrankung oder ihrer Behandlung sind.
D   Die Symptome sind nicht primäre Konsequenzen einer komorbiden psychischen Störung wie Major Depression¹, somatoformer Störung² oder Delir³.




  • Mindestens sechs der A-Symptome müssen hierbei täglich oder fast täglich innerhalb von zwei Wochen im zurückliegenden Monat aufgetreten sein, damit eine Fatigue vorliegt.
  • Mindestens eines der Symptome unter A und zusätzlich die Kriterien unter B und D müssen erfüllt sein, damit man von einer Fatigue sprechen kann.
  • Bei Erfüllung des Kriteriums unter C spricht man von tumorbedingter Fatigue.



¹Major Depression: schwerste Form einer Depression
²somatoforme Störung: allgemeine Schwäche und Schmerzsymptome
³Delir(auch Delirium): akuter Verwirrtheitszustand mit Bewusstseins-, Aufmerksamkeits- & Wahrnehmungsstörungen