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Das Fatigue-Syndrom – Wege aus dem Labyrinth

Viele Krebspatienten leiden unter extremer Müdigkeit und Erschöpfung – doch Hilfe ist möglich

Krebspatienten fühlen sich häufig kraftlos und erschöpft – und das nicht nur während der Therapie, sondern auch noch oft Jahre nach einer erfolgreichen Behandlung. Die Folgen dieses als Fatigue (sprich: fatieg) bezeichneten Syndroms sind für die meisten Patienten verheerend: Das Familienleben leidet, Freundschaften gehen in die Brüche und das berufliche Aus droht, wenn selbst leichte Aktivitäten kaum oder gar nicht mehr bewältigt werden können. Die Patienten fühlen sich allein gelassen und müssen sich für ihren lähmenden Zustand oft rechtfertigen, denn Erschöpfung und Kraftlosigkeit sind im Gegensatz zu Beinbruch oder Grippe weder anerkannt noch leicht erklärbar. Dass es Auswege gibt, hat eine Veranstaltung* der vor drei Jahren gegründeten Deutschen Fatigue Gesellschaft (DFaG) bei der 1. Offenen Krebskonferenz Ende Februar in Berlin gezeigt.

Klaus P. war 35, als er an Lymphknotenkrebs, einem Non-Hodgkin-Lymphom, erkrankte. Während der ambulanten Chemotherapie ging er weiter zur Arbeit, zu Hause kümmert er sich um seinen gerade geborenen Sohn. „Erschöpft? Ja, schon, aber ich habe mich zusammengerissen, konnte Beruf und Familie doch nicht vernachlässigen“, erinnert er sich. Die Therapie verlief erfolgreich, für sechs Jahre war die Welt von Klaus P. wieder in Ordnung. Dann meldete sich der Krebs wieder, und Klaus P. musste sich einer belastenden Hochdosischemotherapie mit Stammzelltransplantation unterziehen. Erneut ging alles gut, ein halbes Jahr später fing er wieder an zu arbeiten. „Anfangs war ich euphorisch, freute mich, alles überstanden zu haben und stürzte mich mit Elan in den Job. Doch abends fiel ich noch im Anzug aufs Bett und war zu nichts mehr zu gebrauchen.“

Das gibt sich schon wieder, dachte sich der damalige Manager. Doch auch nach drei Jahren besserte sich sein Zustand nicht. „Ich habe gedacht, ich spinne, war völlig verzweifelt. Selbst als ich nur noch halbtags gearbeitet habe, war ich vor Erschöpfung anschließend nicht mehr in der Lage, meinen Alltag zu bewältigen.“ Familie, Freunde, Arbeitskollegen – an gemeinsame Aktivitäten war nicht mehr zu denken. „Niemand konnte verstehen, dass ich völlig fertig war und nur noch liegen wollte. Vom Krebs war ich doch schließlich geheilt und ansehen konnte man mir auch nicht, wie schwach ich mich fühlte.“

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Schlaf und Ruhepausen helfen nicht

Rund 80 Prozent der Krebspatienten leiden im Laufe ihrer Behandlung unter Fatigue. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen (Fatigatio = Ermüdung) und kommt heute im französischen und englischen Sprachgebrauch vor. Fatigue beinhaltet eine tief greifende Müdigkeit und Erschöpfung, die unabhängig davon ist, was die Betroffenen vorher gemacht haben. Sie kann auch durch Schlaf oder Ruhepausen nicht beseitigt werden und schränkt die Lebensqualität stark ein – die Patienten fühlen sich kraft- und antriebslos. Hinzu kommt eine oft ausgeprägte geistige Müdigkeit: Die Betroffenen können sich nicht konzentrieren und sind häufig vergesslich. „Das Leiden ist so schwerwiegend, dass es von den meisten als das am stärksten belastende Symptom ihrer Erkrankung angesehen wird – noch vor Schmerzen und Übelkeit“, konstatiert der Kölner Onkologe Dr. Jens Ulrich Rüffer, Vorsitzender der Fatigue Gesellschaft. Bis vor wenigen Jahren konnten weder Ärzte noch Patienten mit der weit verbreiteten Erschöpfung etwas anfangen: Die Forschung hierzu steckt noch in den Kinderschuhen, der Begriff Fatigue bahnt sich nur langsam einen Weg in den medizinischen Sprachgebrauch. Heute hilft den Betroffenen oft schon die Erkenntnis, dass ihr Zustand keine Einbildung und nicht auf mangelnde Willenskraft zurückzuführen, sondern weit verbreitet ist und die Medizin einen Namen dafür gefunden hat.

Dass Krebspatienten während Erkrankung und Therapie über Abgeschlagenheit klagen, ist leicht verständlich: Tumorzellen haben einen etwa zehn Mal höheren Energieumsatz als gesunde Körperzellen und entziehen dem Organismus Kraft. Darüber hinaus führt eine Operation häufig zu starkem Blutverlust, anschließende Chemo- und Strahlentherapien hemmen die Blutbildung und beeinträchtigen den normalen Stoffwechsel – all dies raubt den Menschen weitere Energien.

Organisch gesund – und trotzdem krank
Die meisten erholen sich in den Monaten danach von der Erkrankung und kehren Schritt für Schritt in den Alltag zurück. Doch bis zu 40 Prozent der Krebspatienten gelangen in einen chronischen Erschöpfungszustand; sie sind selbst Jahre nach der erfolgreichen Behandlung ausgesprochen erschöpft und körperlich und geistig nicht mehr in der Lage zu arbeiten – obwohl sie organisch gesund sind. „Dieses Phänomen beobachten wir besonders häufig bei Patienten mit Blut- oder Lymphknotenkrebs, die sich einer Knochenmark- oder Stammzelltransplantation unterziehen mussten“, erläutert Dr. Rüffer. Betroffen hiervon sind keinesfalls nur ältere Menschen, so der Onkologe. Lymphknotenkrebs-Patienten, die zum Zeitpunkt der Erkrankung zwischen 25 und 35 Jahre alt waren und zu über 90 Prozent in Beruf oder Ausbildung standen, waren einer Studie zufolge fünf Jahre nach ihrer Heilung nur noch zu 60 Prozent berufstätig. Einige hatten ihren Job aus betrieblichen oder anderen Gründen verloren – doch jeder fünfte Patient gab an, aufgrund von Kraftlosigkeit und permanenter Erschöpfung nicht mehr arbeiten zu können.

Warum Krebspatienten so lange nach ihrer Erkrankung noch an den Folgen leiden, hat viele Gründe und ist letztendlich noch nicht exakt geklärt. Sehr häufig begleitet eine Blutarmut (Anämie) die Krebserkrankung und steht in engem Zusammenhang mit Fatigue. Zu einer Anämie kommt es, wenn im Knochenmark zu wenig rote Blutkörperchen (Erythrozyten) produziert werden. Die Erythrozyten versorgen Organe, Muskeln und Gewebe mit sauerstoffreichem Blut. Ist diese Versorgung nicht ausreichend, kann sich der Betroffene müde und kraftlos fühlen. Messbar ist dies mit Hilfe des Hämoglobinspiegels. Die Erythrozyten enthalten einen eisenhaltigen roten Stoff, das Hämoglobin (Hb), das dem Blut seine Farbe gibt. Sinkt der Hb-Wert unter 11g/dl, gilt der Betroffene einer Definition der WHO zufolge als krankhaft blutarm. Dr. Rüffer: „Die Anämie, die mit dem Medikament Erythropoietin, kurz EPO, gut behandelt werden kann, ist der bekannteste und bei den Ärzten auch am ehesten akzeptierte Grund für eine Fatigue. Doch sie ist längst nicht der einzige.“ Stoffwechselstörungen wie eine Schilddrüsenfehlfunktion oder Diabetes können ebenso verursachend sein wie Infektionen, Mangelernährung, Schlafstörungen oder Medikamente, die Müdigkeit als Begleiterscheinung haben.

Familie und Freunde kommen zu kurz
Ganz wesentlich für Ausprägung und Verlauf von Fatigue sind psychosoziale Aspekte. „Fatigue berührt das ganze Leben“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Susanne Hanewald von der Klinik Reinhardshöhe in Bad Wildungen. Die Patienten und ihre Angehörigen sehnen sich nach der oft langen Therapie nach einer Rückkehr zum normalen Alltag. „Doch da macht Fatigue einen Strich durch die Rechnung.“ Partnerschaft und Sexualität, Familienleben, Freundschaften, Hobbies, die berufliche Karriere – all das wird von der Energie- und Antriebslosigkeit. Sehr häufig kommt es zu seelischen Verstimmungen, zu vermindertem Selbstwertgefühl und letztendlich zum sozialen Rückzug.

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Mit dem Krafttagebuch zu neuer Energie

Doch es führen Wege aus dem Labyrinth: Psychosoziale Therapieangebote, bei denen Patienten lernen, mit ihrer Erkrankung umzugehen, sind ein Mosaiksteinchen; Entspannungskurse, Bewegungstherapien oder Ernährungsberatungen sind weitere. „Langfristiges Ziel ist es, Schritt für Schritt Kraft zurück zu gewinnen“, sagt Susanne Hanewald. Um die eigenen Energiereserven einschätzen zu können, empfiehlt sie, ein „Krafttagebuch“ zu führen. Was habe ich den ganzen Tag gemacht? Wann war ich aktiv, wann passiv? Und wie ging es mir dabei, wie habe ich mich gefühlt? „Schon nach wenigen Tagen bekommen die Patienten ein Gespür für ihre eigene Leistungsfähigkeit. Und – ganz wichtig – sie merken schnell, wenn es besser wird, wenn die Kraft zurückkommt.“

Zurück ins Berufsleben

Geht es körperlich und psychisch wieder aufwärts, streben viele Patienten ins Arbeitsleben zurück. „Das klappt jedoch nicht gleich von Null auf 100“, sagt Susanne Hanewald. Mit den Renten- und Krankenversicherungsträgern wurde das Prinzip der stufenweisen Wiedereingliederung in den Beruf verabredet. Der genesene Patient arbeitet zunächst stundenweise. Er gilt in der ersten Zeit jedoch weiterhin als krankgeschrieben und sein Gehalt wird anteilig von den Versicherungsträgern übernommen. „Arzt und Patient sollten gemeinsam einen Plan aufstellen, wie hoch die Belastung sein kann. Reichen die individuellen Kraftreserven für etwa sechs Stunden am Tag, sollten zunächst zwei Stunden davon gearbeitet werden. Stück für Stück kann es dann mehr werden.“ Die stufenweise Wiedereingliederung erfolgt maximal über ein halbes Jahr. Vielen Patienten ermöglicht es eine neue berufliche Perspektive, so das Fazit der Sozialpädagogin. Doch manche erkennen in dieser Zeit auch, dass es für sie nicht möglich ist, wieder am Arbeitsleben teilzunehmen.

Noch viel Forschungsarbeit erforderlich

Viele Fragen rund um das Erschöpfungssyndrom sind noch ungeklärt. „Insbesondere über die chronischen Verläufe, die auch erst später auftreten können, wissen wir noch zu wenig“, bilanziert Onkologe Dr. Rüffer. „Es handelt sich offensichtlich um ein ganz neues Krankheitsbild, das vom eigentlichen Tumorleiden abgekoppelt zu sein scheint.“ Auch Patienten, bei denen der Krebs in einem frühen Stadium entdeckt wurde und die mit wenig belastenden Therapien geheilt werden konnten, sind Jahre später oft stark von Fatigue beeinträchtigt. Dr. Rüffer: „Es ist ein weit verbreitetes, aber sehr individuelles Geschehen, dessen Verlauf nur schwer zu prognostizieren ist. Hier besteht noch großer Forschungsbedarf. Dieser Aufgabe widmet sich die Deutsche Fatigue Gesellschaft seit drei Jahren intensiv.“

Dass es auch trotz und mit Fatigue möglich ist, die Lebensqualität zu verbessern, zeigt Klaus P., heute 49, beispielhaft. Der Berliner hat seinen Job nach sieben Jahren Fatigue ganz aufgegeben, es ging einfach nicht mehr. Die Erschöpfung, sagt er, treibt ihn immer noch und immer wieder in die Enge: Da ist die materielle Sorge, und da ist die Angst vor einem erneuten Krankheitsrückfall. Doch seitdem er nicht mehr seine gesamte Energie dem Beruf opfert, gelingt es ihm wieder besser, sein Leben zu organisieren. „Die Erkenntnis und das Bewusstsein, dass auch andere Patienten die gleichen Beschwerden haben wie ich und die leichte Erschöpfbarkeit offenbar der Preis für das Überleben der Krankheit ist, haben mir sehr geholfen. Ich habe daraus gelernt, mich zurückzunehmen und die mir verbliebene Energie sorgsam einzuteilen. Dies ermöglicht mir, die täglichen Dinge des Alltags leichter zu bewältigen.“

* Symposium: „Tumorbedingte Fatigue – Kampf um öffentliche Anerkennung“, Samstag, 26. Februar 2005, 15.45 – 16.45 Uhr, Berlin, im Rahmen der 1. Offenen Krebskonferenz der Deutschen Krebsgesellschaft, 26. und 27. Februar 2005. Chairmen: Susanne Hanewald, Klinik Reinhardshöhe, Bad Wildungen, Dr. Jens Ulrich Rüffer, Köln, Vorsitzender Deutsche Fatigue Gesellschaft (DFaG).

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September 2004

Nebenwirkungen wie Fatigue effektiv behandeln, dadurch verbessern sich die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität der Patientinnen – Denn:

Nur jeder zweiten Patientin mit Brustkrebs gelingt die vollständige berufliche Reintegration !

Tumor- und therapiebedingte Nebenwirkungen wie Fatigue, Depressionen, Ängste oder neuropsychologische Beeinträchtigungen sind inzwischen gut behandelbar. Sie wirken sich aber teilweise erheblich auf die berufliche und soziale Reintegration von Frauen mit Brustkrebs aus. Denn nur die Hälfte der Brustkrebspatientinnen, die vor der Diagnose berufstätig waren, arbeitet nach Abschluss der Therapie unvermindert weiter. Das ist das Fazit eines Symposiums* der Deutschen Fatigue Gesellschaft, an dem 150 Gynäkologen und Reha-Fachärzte teilnahmen. Das Symposium fand im Rahmen der 24. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie in Freiburg statt und wurde mit der Unterstützung von Hoffmann-La Roche durchgeführt.

Mit dem Abschluss der Behandlung ist die Krebserkrankung für die Betroffenen längst nicht vorbei. Immer mehr geht es um die Frage: Wie geht mein Leben jetzt weiter? Vor allem Patientinnen mit Brustkrebs, von denen jede vierte bei der Diagnose jünger als 50 Jahre ist, werden durch die erschreckende Nachricht aus ihrem beruflichen und sozialen Zusammenhang gerissen. „Dahin wieder zurück zu finden ist gerade für jüngere Frauen ein großes Problem“, beschreibt Prof. Ingrid Schreer, Oberärztin an der Universitätsfrauenklinik Kiel, die Situation, „der Prozess der Reintegration ist ein sehr schwieriger.“

Noch ein Jahr nach der Therapie, in deren Zentrum Operation, Chemo-, Strahlen- und Hormonbehandlung stehen, leiden etwa 20 Prozent der Frauen unter Angstzuständen und etwa 12 bis 15 Prozent unter Depressionen, hat Prof. Joachim Weis von der Freiburger Klinik für Tumorbiologie beobachtet. „Sehr häufig ist das Selbstwertgefühl der Frauen gestört, sie fühlen sich in ihrer weiblichen Identität stark beeinträchtigt. Etwa jede dritte Frau beklagt erhebliche sexuelle Probleme und Schwierigkeiten in der Partnerschaft.“ Weit verbreitet, so Weis, seien auch neuropsychologische Leistungseinschränkungen wie Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. „Die Patientinnen beklagen ein verlangsamtes Denken, verlieren oft den Gesprächsfaden und haben das Gefühl, dass ihnen alles zu viel wird.“

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Fatigue für viele das am stärksten belastende Symptom

Am häufigsten leiden die Frauen unter Fatigue. 70 bis 80 Prozent aller Krebspatienten – in einigen Studien steigt die Prävalenzrate sogar auf bis zu 96 Prozent an – sind von dem ausgeprägten Gefühl der Müdigkeit und Erschöpfung, der Kraft- und Antriebslosigkeit betroffen. „Das Leiden ist so schwerwiegend, dass es von den meisten als das am stärksten belastende Symptom ihrer Erkrankung angesehen wird – noch vor Schmerzen und Übelkeit“, konstatiert der Kölner Onkologe Dr. Jens Ulrich Rüffer, Vorsitzender der Fatigue Gesellschaft. Und das oftmals weit über die eigentliche Tumortherapie hinaus: Bis zu 40 Prozent der Patienten, so Rüffer, gelangen in einen chronischen Fatigue-Zustand; sie fühlen sich selbst fünf Jahre nach der erfolgreichen Behandlung ausgesprochen erschöpft und nicht in der Lage zu arbeiten, obwohl sie organisch gesund sind. Dabei wollen die meisten Frauen auch nach ihrer Erkrankung wieder arbeiten, so Prof. Weis. „Sie versuchen, wenn es einigermaßen geht, in ihren Beruf zurückzukehren. Das ist wie ein Signal für die Patientin und deren Selbstbewusstsein: ´Ich bin wieder auf dem Weg der Besserung, ich kann wieder Leistung erbringen und arbeiten.´ Damit wird die psychische Befindlichkeit verbessert, die Krankheitsverarbeitung erleichtert.“ Hier hat sich, so Weis, in der Vergangenheit ein deutlicher Wandel vollzogen: Der Stellenwert der beruflichen Reintegration ist bei den betroffenen Frauen immens gewachsen.

Dem kann Dr. Rolf Buschmann-Steinhage vom Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) in Frankfurt, nur zustimmen: „Das Mammakarzinom ist ja kein Alterskrebs. Vielmehr erkranken häufig junge Frauen im erwerbsfähigen Alter. Aus diesem Grunde, aber auch wegen der relativ guten Prognose, haben beruflich rehabilitative Maßnahmen einen hohen Stellenwert in der ambulanten und stationären Nachsorge von Brustkrebs-Patientinnen.“

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Reha für 35.656 Brustkrebspatientinnen jährlich

Insgesamt bewilligt der VDR jährlich über eine Millionen stationäre Reha-Leistungen, für die die Versicherungsträger fünf Milliarden Euro aufbringen. Nach den Muskel- und Skeletterkrankungen sind Krebserkrankungen zweithäufigster Grund für eine stationäre Nachsorge. 2002 entfielen auf die onkologische Rehabilitation 132.007 Maßnahmen, allein 35.656 davon auf Brustkrebspatientinnen. Dies, so Buschmann-Steinhage, spiegelt den erheblichen Nachsorge-Bedarf von Brustkrebspatientinnen wider, nehmen doch 61 Prozent aller an Brustkrebs erkrankten Frauen eine stationäre medizinische Reha in Anspruch. Zum Vergleich: Bei Krebserkrankungen des Unterleibs beträgt die Quote lediglich 32 Prozent, bei Erkrankungen des Verdauungstraktes nur 19 Prozent. Noch seltener nutzen krebskranke Männer das Angebot: Ganz gleich ob Darm-, Prostata- oder Harnblasenkrebs – maximal 15 Prozent der Patienten gehen anschließend in eine Reha-Klinik.

Ziel der Reha ist es,
  • das Fortschreiten eines chronischen Leidens aufzuhalten sowie Verluste oder Einschränkungen von Funktionen und Aktivitäten ganz oder teilweise zu beseitigen,
  • eine angemessene Einstellung zur Erkrankung zu fördern, einschließlich eines gesundheitsgerechten Verhaltens,
  • die Belastungen und Anforderungen in Beruf, Gesellschaft und Familie zu analysieren und gezielt an deren Bewältigung zu arbeiten und
  • eine angemessene Krankheitsverarbeitung und den Verbleib im Berufsleben oder die erfolgreiche Rückkehr ins Berufsleben zu unterstützen.

Integraler Bestandteil der Nachsorge ist die psychosoziale Beratung und Betreuung. Hierzu gehören sowohl psychologische Betreuung und etwa die Möglichkeit, Entspannungsverfahren zu erlernen, als auch die Beratung über Maßnahmen zur sozialen, familiären und beruflichen Rehabilitation. Physikalische Therapien wie Krankengymnastik und aktive Bewegungstherapien, Gesundheitsbildung (Schulung und Wissensvermittlung) sowie eine umfassende Ernährungsberatung runden das mehrwöchige Therapieprogramm ab.

Mit Blick auf die Statistik profitieren mehr Brustkrebspatientinnen als andere Krebskranke von der stationären Rehabilitation, erläutert Buschmann-Steinhage: Von den berufstätigen Frauen, die 1999 nach ihrer Brustkrebsbehandlung eine stationäre Rehabilitation in Anspruch genommen haben, waren – gemessen an den Beitragsleistungen in die Sozialkassen – zwei Jahre später 50 Prozent voll- und elf Prozent teilweise beschäftigt. Etwa jede dritte Frau dagegen ließ sich vorzeitig berenten, jede zwölfte erreichte in der Zwischenzeit die Altersrente. „Frauen mit Brustkrebs haben deutlich häufiger ins Berufsleben zurückgefunden als andere Krebspatienten, die sich einer stationären Reha unterzogen. Hier lag der Anteil der Vollzeitbeschäftigten bei 40 Prozent und der Teilzeitbeschäftigten bei neun Prozent.“

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Viele Patientinnen finden nicht ins Berufsleben zurück

So weit die nackten Zahlen. Dieser für Brustkrebspatientinnen relativ günstigen Tendenz steht die hohe Zahl der Frauen gegenüber, die nicht wieder oder nur eingeschränkt ins Berufsleben zurück gefunden haben. „Dies liegt zum einen an den Veränderungen des Arbeitsmarktes und den erschwerten Anforderungen der Arbeitswelt“, erläutert Prof. Weis. „es hängt aber sehr wesentlich auch an der eingeschränkten körperlichen und seelischen Leistungsfähigkeit. Funktionelle Störungen wie Fatigue, Ängste, Depressionen und neuropsychiatrische Störungen erschweren die berufliche Wiedereingliederung.“ Brustkrebspatientinnen mit Fatigue etwa, die wieder arbeiten gehen, fühlen sich zweier Studien aus USA (Fatigue 2-Study, Curt et al. 2000) und Irland (AIFC-Studie, Dillon et al. 2003) zufolge in bis zu 63 Prozent der Fälle in ihrer Belastbarkeit eingeschränkt. Bis zu 52 Prozent der Frauen reduzieren wegen der ständigen Erschöpfung ihre Arbeitszeit, bis zu 44 Prozent lassen sich deshalb vermehrt krankschreiben.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die von der Freiburger Klinik für Tumorbiologie initiierte so genannte ZESOR-Studie (Zielorientierte Evaluation von Stationär-Onkologischen Rehabilitationsmaßnahmen), in der Lebensqualität und weitere Parameter von 351 Reha-Patientinnen mit denen von 103 Frauen verglichen wurde, die nach ihrer Brustkrebsbehandlung auf eine solche stationäre Rehabilitation verzichtet haben. Prof. Weis: „Zwar erzielen die Frauen während der Rehabilitation eine deutliche Verbesserung der so genannten emotionalen Funktionen. Wieder zu Hause, kommen aber neue Anforderungen auf sie zu: Der Haushalt, die Belastung am Arbeitsplatz. Da stellt sich für viele die Frage: „Schaffe ich das alles noch?“

Blutarmut behandeln – Fatigue-Symptome lindern

Neben der wichtigen psychosozialen Betreuung gelingt es vor allem mit einer Behandlung der belastenden Nebenwirkungen, die Lebensqualität zu verbessern und die Leistungsfähigkeit zu steigern. So korreliert das Erschöpfungssyndrom Fatigue sehr häufig mit einer krankhaften Blutarmut (Anämie, beginnt laut WHO-Klassifikation unter einem Wert von elf g/dl Hämoglobin), jeder zweite Krebspatient mit Fatigue hat mindestens eine leichte bis mittelschwer ausgeprägte Anämie. Erhalten die Patienten jedoch Erythropoetin, kurz Epo, stimuliert dies die Blutbildung im Knochenmark und führt – parallel zum Anstieg der Blutwerte – zur Symptommilderung der Fatigue. „Untersucht werden derzeit eine ganze Reihe weiterer medikamentöser Interventionsmöglichkeiten: Psychostimulanzien, Kortikosteroide, Antidepressiva oder auch Methylphenidat, das bei Kindern mit Aufmerksamkeits-störungen zur Konzentrationssteigerung eingesetzt wird“, erklärt Dr. Rüffer. Selbst homöopathische Behandlungsansätze und Akupunktur befinden sich in der klinischen Erprobung.

Die kognitiven Beeinträchtigungen lassen sich mit einem speziellen neuropsychologischen Training ausgleichen. Dabei schulen die Patientinnen besonders ihre Aufmerksamkeit und ihr Kurzzeitgedächtnis. Wie erfolgreich ein solches Training ist, wird derzeit in der so genannten ENTOR-Studie (Evaluation of Neuropsychological Training Programmes in Oncological Rehabilitation) ermittelt, in der 171 Brustkrebspatientinnen unter Leitung des Instituts für Rehabilitationsforschung der Freiburger Klinik für Tumorbiologie untersucht werden. Ende des Jahres, so Prof. Weis, wird die Studie abgeschlossen sein.

Für die Bedeutung von körperlichem Training für Krebspatienten gibt es inzwischen eine Reihe an Belegen. Eine ältere Studie des Instituts für Sportmedizin der Freien Universität Berlin hat 33 Patienten, denen noch ans Krankenbett ein Fahrradergometer gestellt wurde und die ihr Training schrittweise gesteigert haben, mit 37 Patienten verglichen, die ohne Training blieben. Ergebnis: Die Trainierten waren körperlich leistungsfähiger, hatten weniger Schmerzen und konnten die Klinik schneller verlassen als die Untrainierten. In einem Review von Oldervoll et al. von 2004 wurden alle randomisierten Studien, die sich mit den Auswirkungen von körperlichem Training auf tumorbedingte Fatigue befassten, einer genauen Prüfung unterzogen. Auch wenn es bei einigen Studien erhebliche Mängel bezüglich Design und Statistik gab, so war der positive Einfluss eines gezielten körperlichen Trainings auf den Erschöpfungsgrad der Patienten in jeder Studie belegt. (Oldervoll LM, Kaasa S, Hjermstad MJ, Lund JA, Loge JH: Physical exercise results in the improved subjective well-being of a few or is effective rehabilitation for all cancer patients? Eur J Cancer 2004 May;40(7):951-62.)

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Fazit: Berufliche Rehabilitation ist möglich, wenn…

Frauen nach Brustkrebs, so das Fazit des Symposiums, haben einen besonderen Rehabilitationsbedarf, ist doch die berufliche Wiedereingliederung insbesondere für jüngere Tumorpatientinnen ein wichtiges Reha-Ziel. Die Wiederaufnahme der Berufstätigkeit ist für eine aktive Krankheitsverarbeitung und die psychosoziale Situation der Patientin bedeutsam, doch tumor- und therapiebedingte Neben-wirkungen wie Fatigue, Ängste und Depression sowie neuropsycho-logische Folgestörungen hängen eng mit dem Erfolg beruflicher Rehabilitation zusammen. „Diese Fakten müssen wir berücksichtigen und spezifischere Programme zur Verbesserung der beruflichen Leistungs-fähigkeit, etwa bei der Behandlung von Fatigue, entwickeln“, fordert Prof. Schwarz, Sozialmedizin Leipzig, der das Symposium zusammenfasste. „Diese Programme müssen in kontrollierten Studien geprüft werden. Außerdem sollte es zu einer stärkeren Vernetzung der medizinischen und beruflichen Rehabilitation und zu einer erhöhten Aufmerksamkeit der Rentenversicherungsträger auf besondere Probleme der beruflichen Reintegration bei Frauen mit Brustkrebs kommen. Hier sei die DFaG gefordert, gemeinsam mit den entsprechenden Institutionen neue Richtlinien zu entwickeln.“

Weitere Informationen sind auf der Homepage der DFaG (www.deutsche-fatigue-gesellschaft.de) zu finden. Darüber hinaus hat die Deutsche Krebshilfe (www.krebshilfe.de) in Zusammenarbeit mit der DFaG einen informativen Fatigue-Ratgeber herausgegeben (Die blauen Ratgeber, Heft 34 bzw. Heft 51).

* Lunchsymposium „Leben mit Brustkrebs – Spätkomplikationen und berufliche Reintegration“, Freitag, 3. September 2004, 13.45-15.15 Uhr, Freiburg, im Rahmen der 24. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie, 2.-4. September 2004. Chairmen: Prof. Ingrid Schreer, Universität Kiel, Prof. Reinhold Schwarz, Universität Leipzig.

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