Tipps für den Alltag

Für die meisten Betroffenen ist es schwierig, ihre Erschöpfung, ihren Mangel an Kraft für sich und andere begreifbar zu machen. Da es keine Maßeinheit zum Abwägen der Kraft, die jedem für die Bewältigung der alltäglichen Verrichtungen zur Verfügung steht gibt, fällt es Patienten oft schwer, anderen den Grad ihrer Erschöpfung zu vermitteln. Gleichermaßen fehlt den Angehörigen die Möglichkeit, sich in den Zustand des Patienten hineinzuversetzen. Deswegen kann es für das Verständnis ausgesprochen hilfreich sein, wenn man die Kraft, die einem für einen Tag zur Verfügung steht, mit einer bestimmten Summe Geld gleich setzt.

Nehmen Sie einfach einmal an, Ihnen stehen normalerweise 10 Euro pro Tag für die Deckung ihres täglichen Bedarfs zur Verfügung. Davon kaufen Sie Lebensmittel, Kleidung und alles, was Sie sonst Tag für Tag benötigen. Gehen wir nun aber einmal davon aus, durch widrige Umstände wird die Summe Geld, die Sie täglich ausgeben können, auf 5 Euro reduziert. Es bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig als zu sparen. Sie werden also vermutlich zunächst Dinge im Regal stehen lassen, die Sie nicht unbedingt benötigen. Die Pralinen oder der teure Schinken fallen also weg. Aber auch dann, wenn Sie sich auf das Allernotwendigste beschränken, wird es Ihnen wahrscheinlich immer noch schwer fallen, mit den 5 Euro hinzukommen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Energie, die Sie zur Bewältigung des Alltages einsetzen. Sie verrichten damit solche Tätigkeiten wie Kochen, Putzen, Rasen mähen oder Auto waschen. Aber Sie fahren auch in die Stadt, um Essen zu gehen oder sich eine schöne Vorstellung im Theater anzuschauen. Durch Fatigue und die damit einhergehende Erschöpfung wird Ihnen nun ganz unvermittelt ein Großteil dieser Kraft genommen. Auch hier werden Sie zunächst einmal diejenigen Tätigkeiten vermeiden, die nicht unbedingt erforderlich sind. Sie werden nicht auswärts essen oder ins Theater gehen. Doch selbst dann, wenn Sie sich diese schönen Dinge des Lebens versagen, wird es Ihnen immer noch schwer fallen, mit der Ihnen zur Verfügung stehenden Energie selbst die alltäglichsten Aufgaben zu erfüllen. Auch die kleinsten Tätigkeiten werden dann zur Last. Ebenso wie Sie also mit weniger Geld ganz anders haushalten müssen, genauso ergeht es Ihnen mit Ihrer Energie, wenn Sie von Fatigue betroffen sind.

Wie soll man aber aus dieser misslichen Situation herauskommen? Am besten halten Sie sich an die Regel, die für jeden menschlichen Körper gilt: Unterforderte Strukturen werden abgebaut, überforderte zerstört. Der eine Teil dieser Regel ist ganz offensichtlich. Wenn Sie nur 5 Euro am Tag zur Verfügung stehen haben, aber regelmäßig 7 Euro ausgeben, werden Sie sich irgendwann hoffnungslos verschuldet haben. Ihnen fehlen nicht nur jeden Tag 2 Euro, Sie müssen für das geliehene Geld auch noch Zinsen bezahlen. Schließlich wird Ihnen gar kein Geld mehr zur Verfügung stehen. Auch hier verhält es sich mit der Energie wieder ganz parallel. Wenn Sie über das Ziel hinausschießen und sich an einem Tag vollständig verausgaben, zahlen Sie am nächsten Tag mit Zinsen zurück. Sie sind so erschöpft, dass Sie gar nichts mehr machen können.

Geben Sie jedoch weniger Geld aus, dann können Sie sich immer ein bisschen zur Seite legen, um sich irgendwann eine größere Anschaffung zu leisten. Und genau hier hört die Parallele auf. Mit der Kraft verhält es sich nämlich anders. Wenn Sie sich einen oder mehrere Tage vollständige Ruhe gönnen, können Sie nicht darauf hoffen, dass die gesparte Kraft ihre Energie erhöht. Vielmehr wird sich die unterforderte Struktur abbauen. Sie werden also immer weniger Kraft zur Verfügung stehen haben, weswegen Sie weniger verrichten können. Das wird wiederum Ihre Reserven verringern und so weiter.

Es kommt also alles darauf an, weder zu viel noch zu wenig zu tun, da Sie sich sonst entweder übermäßig erschöpfen oder Ihre Kondition verringern. Aber wie soll man bloß das rechte Maß treffen? Wie erkennt man, dass man mit seinen Kraftreserven entsprechend haushält? Dafür lassen sich ein paar Hilfen angeben, die es einem erlauben, mit der bei einer Krebserkrankung auftretenden Erschöpfung richtig umzugehen.
Es kommt vor allem darauf an, auf den eigenen Körper zu hören. Schreiben Sie sich auf, was Sie über einen Tag hinweg für Tätigkeiten verrichtet haben. Sind Sie am nächsten Tag vollständig erschöpft, sind Sie sicherlich über das Ziel hinausgeschossen. Ist dies nicht der Fall, versuchen Sie Ihre Aktivität vorsichtig zu steigern. Auf diese Weise können Sie sich schrittweise dem Maß annähern, das Ihnen gut tut, bei dem Sie sich weder vollständig verausgaben noch sich selbst unterfordern, sondern Ihre Reserven langsam aber stetig steigern.

Darüber hinaus lassen sich noch ein paar weitergehende Tipps geben:

Seien Sie Ihren Verwandten und Bekannten, aber auch Ihrem Arzt gegenüber offen. Für ein Problem, das man nicht kennt, kann man auch kein Verständnis aufbringen.
Unterstützen Sie Ihren Körper:
Verbessern Sie die Bedingungen für einen angenehmen und entspannenden Schlaf.
Gönnen Sie sich auch tagsüber Ruhepausen.
Achten Sie auf Ihre Ernährung. Essen Sie kleine Portionen. Entsprechende Tipps gibt jede gute Ernährungberatung im Krankenhaus und in der Rehabilitation.

Überdenken Sie Ihren Tagesablauf:

Planen Sie die schönen Dinge bewusst ein.
Versuchen Sie Tätigkeiten kräfteschonend zu gestalten, bügeln Sie z.B. im Sitzen.
Akzeptieren Sie Ihre Grenzen, unterfordern Sie sich aber auch nicht.


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